„Do or Die", ab jetzt zählt jedes Tor. Zum absoluten Kracher führte die Reise am vorletzten Spieltag der Verzahnungsrunde nach Füssen. Die Ostallgäuer waren der noch einzig verbliebene Konkurrent um Platz 4, es ging für beide Teams also um alles.

Die Hausherren spielten von der ersten Sekunde an hochaggressives Eishockey, selbst in Unterzahl führten sie ihr ununterbrochenes Forechecking fort. Der ESC überstand die ersten fünf Minuten nur mit viel Glück und einem starken David Albanese. Aber auch die Rats kamen in Unterzahl zu einer Großchance, Schlussmann Jorde parierte den Alleingang von Martin Köhler jedoch souverän. Füssen drückte vorne weiter ohne Ende, der ESC beschränkte sich aufs Kontern. Mit der zweiten richtigen Möglichkeit stellte die 1. Sturmreihe auf 0:1 (9.), Klaus Berger nutzte das Durcheinander aus und schaltete im Nachschuss am schnellsten. Die Gastgeber zeigten sich völlig unbeeindruckt und rauschten weiter unaufhaltsam Richtung ESC-Tor. Newhook stand bei einem Schlagschuss von der blauen Linie vor dem Tor goldrichtig und staubte ebenfalls im Nachschuss zum völlig verdienten Ausgleich ab (11.). Michi Hölzl tankte sich wenig später in Unterzahl gut über die linke Seite durch, sein Schuss ging aber über den Kasten. Kontern blieb vorerst die einzige Option für den ESC, zu druckvoll agierte Füssen. Mit einem schmeichelhaften Unentschieden rettete man sich in die Pause, das war schon eine gewaltige Ansage des EVF.

Deutlich ausgeglichener gestaltete sich das Mitteldrittel. Füssen stürmte zwar weiter munter nach vorne, allerdings beschäftigten die Rats EVF-Hintermann Jorde nun deutlich mehr als in Durchgang Eins. Auch hinten bekam man immer mehr Sicherheit rein, es entwickelte sich ein Spiel auf Augenhöhe. Ondrej Horvath konnte seinen Bauerntrick leider nicht mit einem Tor krönen. Die Scheibe trudelte parallel zur Torlinie am Kasten vorbei, es fehlten Zentimeter. Besser machte es wenig später Verteidiger Stephan Englbrecht, der den Puck im Stile eines abgezockten Torjägers per Nachschuss unter die Latte nagelte und den ESC wieder in Führung brachte (33.). Füssen zeigte sich zum ersten Mal beeindruckt und fing sich hinten prompt den nächsten Gegentreffer. Domi Meierl entwischte seinen Bewachern und jagte die Scheibe ebenfalls wunderschön mit der Vorhand unter die Latte (35.). Diesmal hatte der EVF aber die schnelle Antwort, in Überzahl kombinierte man Simon herrlich frei und verkürzte zum 2:3 (36.). Es kam noch schlimmer, denn trotz Gegentor waren die Rats weiter in Unterzahl. Ondrej Horvath regte sich bei dem Treffer extrem auf und zerbrach seinen Schläger am eigenen Torgestänge, der Hauptschiedsrichter schickte ihn deshalb für zwei Minuten wegen Unsportlichkeit in die Kühlbox. Füssen fackelte nicht lange und stellte durch Kavanagh postwendend den Ausgleich her (37.). Das Drittel war immer noch nicht zu Ende und es wurde immer verrückter. Horvath dürfte das Bankpersonal mittlerweile schon beim Vornamen gekannt haben, die nächste Strafzeit ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal drehte der ESC den Spieß jedoch um. Bene May versuchte es in Unterzahl einfach mal, Jorde ließ den eher harmlosen Schuss abprallen und Martin Köhler vollendete mit der Rückhand zur erneuten Führung - 3:4 (40.). Die Hausherren hatten aber erneut die passende Antwort und überwanden Albanese fünf Sekunden vor der Pause zum dritten Mal innerhalb von knapp fünf Minuten zum 4:4 (40.). Gott sei Dank war dann das Drittel zu Ende, die Pause brauchte neben den Spielern nämlich auch der ein oder andere Zuschauer.

Zum Beginn des letzten Drittels forderte der Füssener Stadionsprecher die Heimfans auf, sich schon vorsorglich die Termine für die Playoffs zu notieren. Schließlich warten dort renommierte Mannschaften wie Memmingen oder Landsberg auf den EVF. Wenn diese Ansage mal nicht nach hinten losgehen sollte... Eines war klar, viele Strafzeiten darf sich der ESC nicht mehr erlauben wenn man das Spiel noch gewinnen will. Die Burschen von Ludwig Andrä starteten nervös in den letzten Durchgang, aber auch Füssen wartete erstmal ab und spielte das Forechecking lange nicht mehr so konsequent wie in den ersten beiden Dritteln. Der auffällige Schmid scheiterte dann an der Latte, es sollte nicht der einzige Moment bleiben, wo den Rats-Fans kurz das Herz in die Hose rutschte. Zum ultimativen Showdown kam es fünf Minuten vor Schluss, Spielstand immer noch 4:4. Horvath saß (diesmal unberechtigt) auf der Strafbank und nur eine halbe Minute später gesellte sich Bene May dazu. 1 ½ Minuten doppelte Unterzahl gegen diese überzahlstarke Mannschaft, man befürchtete das schlimmste. Doch es schlug die große Stunde von David Albanese. Dem Rats-Keeper wuchsen offensichtlich noch zusätzliche Arme und Beine, denn alle Versuche der Hausherren endeten bei dem überragenden Schlussmann. Wie Albanese den Direktschuss von Oppenberger sensationell mit der Fanghand rausholte, wird sich der EVF-Topstürmer wahrscheinlich noch heute fragen. Während Füssen noch mit der eigenen Chancenverwertung haderte, holte der ESC zum finalen Schlag aus. Bei einem Entlastungsangriff schaltete Daniel Merl am schnellsten und sorgte aus dem Gewühl heraus für komplette Ekstase bei den zahlreich mitgereisten Fans (59.). Die Gastgeber setzten alles auf eine Karte und brachten sofort den sechsten Feldspieler, allerdings ohne Erfolg. Direkt vom Bully weg traf Klaus Berger in das verwaiste Heimtor und machte endgültig den Deckel drauf. Im Geretsrieder Fanblock gab es kein Halten mehr, alle lagen sich in den Armen und zählten gemeinsam die letzten Sekunden herunter. Füssen war an diesem Abend der erwartet starke Gegner und kann sich absolut nichts vorwerfen, am Ende entschieden Kleinigkeiten zugunsten des ESC. Mit dieser Mischung aus Jung und Alt wird der EVF sicherlich auch zukünftig noch für Furore sorgen.

Fazit: Wunder? Märchen? Unglaubliche Geschichte? Nennt es wie ihr wollt, aber was die Rats in dieser Verzahnungsrunde gezeigt haben, war Eishockey auf einem Niveau, wie man es in Geretsried schon lange nicht mehr gesehen hat. Als kompletter Underdog feierte man an jedem Wochenende beständig einen Sieg, selbst die hochgehandelten Oberligisten hatten in drei von vier Fällen das Nachsehen. Vor allem die Moral dieser Mannschaft ist absolut beeindruckend, beinahe jeder Rückschlag wurde scheinbar mühelos weggesteckt. Bereits vor der Verzahnungsrunde wurden die kommenden Spiele als Bonus bezeichnet, jetzt kommt tatsächlich noch das Viertelfinale der Playoffs. Uns gehen die Superlative aus aber eines ist sicher: Diese Saison geht als die erfolgreichste aller Zeiten des ESC in die Geschichtsbücher ein!

16.02.2018 EV Füssen - ESC Geretsried 4:6 (1:1/3:3/0:2)

Tore:

2 x Klaus Berger, Stephan Englbrecht, Dominik Meierl, Martin Köhler, Daniel Merl

Beihilfen:

3 x Benedikt May, 2 x Vladimir Zvonik, Ondrej Horvath, Michael Hölzl

Strafen:

EV Füssen 6 Min.
ESC Geretsried 16 Min.

Zuschauer:  

953

Zum Seitenanfang